Wien – Am 29. September findet die 27. österreichische Nationalratswahl statt, die wesentlich stärker als die vorangegangene im Zeichen der Klimaschutz-Debatte steht. So überrascht es nicht, dass die Übergangsregierung zwei Wochen vor dem Wahltag mitteilte, dass sich Österreich mit 30 Millionen Euro an der Stärkung des sogenannten Green Climate Fund beteiligen wird. Mit dem „Grünen Klimafonds“ der Vereinten Nationen werden Initiativen zum Klimaschutz in Entwicklungsländern gefördert. Zum Programm gehören die Errichtung von Solarkraftwerken, die Anlage von Bewässerungssystemen, gezielte Aufforstungen und Schutzmaßnahmen gegen den steigenden Meeresspiegel.Umweltministerin Maria Patek begründete das finanzielle Klima-Engagement so: „Nach dem Rückzug der USA aus dem Pariser Übereinkommen muss die Staatengemeinschaft noch enger zusammenrücken. Wir stehen zu unseren Zahlungen an den Green Climate Fund und werden 30 Millionen Euro zur Verfügung stellen.“ Patek bekräftigte, dass Österreich „zu seinen Verpflichtungen bei der internationalen Klimafinanzierung“ steht und dafür eine jährliche Gesamtsumme von „rund 180 Millionen Euro zur Verfügung“ stellt.

Der frühere Bundesprecher der Grünen und jetzige Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat die Zusage von 30 Millionen Euro für den Green Climate Fund einen „ersten wichtigen Schritt“ genannt, dem jedoch weitere Schritte folgen müssten. Das österreichische Staatsoberhaupt hofft, dass „auch die künftige Bundesregierung Verantwortung übernimmt und Österreichs Beitrag zum größten internationalen Klimafonds weiter aufstocken wird“. Neben der heimischen Reduktion der CO2-Emissionen sei die Förderung der Entwicklungsländer „ein zentraler Schlüssel bei den weltweiten Bemühungen zur Bekämpfung der Klimakrise“.

Auch Van der Bellens Parteifreund Werner Kogler zeigte sich erfreut über die Beteiligung Österreichs am Green Climate Fund. Der Bundessprecher und Spitzenkandidat der Grünen zur Nationalratswahl sagte: „Diese 30 Millionen sind ein wichtiges Symbol dafür, dass Österreich zunehmend bereit ist, seinen Beitrag zur Bekämpfung der drohenden Klimakatastrophe zu leisten. Jetzt ist die Politik gefordert, auch in Österreich wirksame Maßnahmen zu setzten. Dafür wollen wir Grüne den Klimaschutz zurück ins Parlament bringen.“ Er wolle sicherstellen, dass die neue Bundesregierung beim Klimaschutz von der Bremse steige, erklärte der 57-Jährige, der mit dem Motto „Rudern statt Sudern“ die am Boden liegende grüne Partei wieder aufrichtete und zu ihrem Kernthema Ökologie zurückführte. Der studierte Volkswirt machte klar: „Wir müssen dringend öko-sozial umsteuern und klimafreundliche Produktion und Verhaltensweisen billiger machen. Hören wir endlich auf mit der Förderung der fossilen Vergangenheit und arbeiten wir an einer ökologischen, nachhaltigen und sozial gerechten Zukunft. Die Menschen erwarten sich zurecht eine Politik, die handelt. Diesen Auftrag wollen wir annehmen.“

Zumindest für die Oppositionsrolle kann Kogler fest mit einem solchen Wählerauftrag rechnen. Scheiterten die Grünen bei der letzten Nationalratswahl am 15. Oktober 2017 noch mit 3,8 Prozent an der Vier-Prozent-Hürde, kann die Partei unter seiner Führung glatt mit einer Verdreifachung des Ergebnisses und mit einem triumphalen Wiedereinzug rechnen. Aktuelle Prognosen sehen die Grünen bei bis zu zwölf Prozent der Stimmen. Das ist nach einhelliger Auffassung politischer Beobachter das Verdienst des am 20. November 1961 im steiermärkischen Hartberg geborenen Öko-Idealisten. Zwei Tage nach dem Desaster bei der letzten Nationalratswahl wurde er Bundessprecher der Grünen und musste die ins Bodenlose gestürzte Partei zuerst stabilisieren und ihr dann einen neuen Lebensgeist einhauchen. Trotz fast leerer Wahlkampfkassen sorgte Werner Kogler mit großem persönlichen Einsatz dafür, dass die Grünen bei der diesjährigen Europawahl mit 14 Prozent ihr Ergebnis von 2014 annähernd halten konnten.

Nach der Rauswahl aus dem Nationalrat 2017 und teils erheblichen Stimmenverlusten bei Landtagswahlen hatten nicht wenige politische Gegner für die grüne Partei schon Schwanengesänge angestimmt. Doch sie hatten die Rechnung ohne den neuen Parteichef gemacht, der Anfang der 1980er-Jahre Mitgründer der Alternativen Liste Steiermark war und im Oktober 2017 nach eigenem Bekunden den Eindruck hatte, die Grünen zum zweiten Mal neu zu gründen. Die „Oberösterreichischen Nachrichten“ (OÖN) beschreiben die damalige Lage so: „Kogler übernahm als Last Man Standing: Er ordnete die Finanzen der schwer verschuldeten Partei neu und arbeitete im letzten Jahr unentgeltlich an der Wiedergeburt der Grünen. Oft diente dem 57-Jährigen das Kaffeehaus als kostengünstiges Büro. Kogler organisierte Kongresse und bemühte sich, die Partei zu öffnen und personell erste Weichen für die Zukunft zu stellen. Die TV-Köchin Sarah Wiener als EU-Listenzweite zu platzieren, war ein geschickter Winkelzug, der ihm zusätzliche Öffentlichkeit verschaffte. Inhaltlich hat die Ökopartei dank dem Klimawandel ohnehin Themenkonjunktur.“

Dass Kogler ganz auf die Zugkraft des Themas Klimaschutz setzt, zeigt einer seiner Facebook-Beiträge, den Kritiker sicherlich als Beleg für eine geschürte „Klimahysterie“ werten. Am 16. September schrieb er: „Das Haus brennt am Dachstuhl. Viele der Parteien stehen jetzt mit der Gießkanne im Erdgeschoss herum und probieren es zu löschen. Das ist aber zu wenig! Wir brauchen echte Maßnahmen, um unseren Planeten vor dem Kollaps zu bewahren.“ Wenn es um seine Überzeugung geht, dass Ökologie und Ökonomie miteinander versöhnt werden müssen, teilt der Steiermärker auch mal gegen die Roten aus. Am 15. September postete er zu seinem Fernsehduell mit SPÖ-Spitzenkandidatin Pamela Rendi-Wagner diesen Facebook-Kommentar: „Wirtschaftliche Wertschöpfung mit Arbeitsplätzen kann auf die Dauer nicht gegen die Natur, sondern nur mit der Natur gemacht werden. Das wird die SPÖ auch noch lernen müssen.“

Will sich der Spitzen-Grüne mit der SPÖ-Schelte auch Koalitionsoptionen in Richtung ÖVP offenhalten? Auffällig war jedenfalls der stets höfliche, teils sogar freundliche Umgangston zwischen Kogler und ÖVP-Chef Sebastian Kurz beim Puls-4-Duell. Standen sich da künftige Koalitionspartner gegenüber? Der frühere Bundeskanzler konstatierte „Überschneidungen bei Umwelt und Europa“, aber auch „große Unterschiede bei Migration und Integration“. Schon Anfang September hatte der Grünen-Chef angekündigt, nach der Wahl „offensiv das Gespräch“ mit der ÖVP zu suchen. Eine Neuauflage von Türkis-Blau will er in jedem Fall verhindern.