Wien/Eisenstadt – Bei der letzten burgenländischen Landtagswahl 2015 konnten die NEOS nicht wirklich punkten. Mit mageren 2,3 Prozent verfehlten sie die Vier-Prozent-Marke deutlich und blieben deshalb von der parlamentarischen Mitwirkung auf Landesebene ausgeschlossen. Diese Scharte wollen die Pinken mit aller Kraft auswetzen und blasen am 26. Jänner 2020 zum Sturm auf das Landesparlament in Eisenstadt.

Landessprecher Eduard Posch sagte dieser Tage: „Bei der letzten Nationalratswahl haben uns rund 9.000 Menschen ihr Vertrauen geschenkt und es freut uns, dass wir diesen Menschen nun sagen können: Ja, wir NEOS treten im Burgenland zur Landtagswahl an. Weil es Zeit ist, dass der burgenländische Landtag bunter wird, weil es Zeit ist, dass frische Ideen das Burgenland noch lebenswerter machen und weil es Zeit ist für eine mutige und transparente Politik.“ Auch Generalsekretär Nick Donig versprüht Zuversicht. Heuer habe man schon bei zwei Wahlen gezeigt, dass man die magische Vier-Prozent-Hürde in dem Bundesland überspringen könne. Er sei deshalb sehr optimistisch, dass die Partei in den siebten Landtag einziehen werde. „Dabei wollen wir für frischen Wind in der Landespolitik sorgen. Wie auf Bundesebene heißt auch auf Landesebene frischer Wind für uns: Mehr Transparenz, mehr Kontrolle, bessere Bildung und ein gutes Leben, egal, ob auf dem Land oder in der Stadt“, verkündet der ehemalige Sprecher von ÖVP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und vormalige ORF-Journalist.

Die Wahlkampfleitung wird er zusammen mit Bundesgeschäftsführer Robert Luschnik übernehmen. Als Budget müssen sie mit einer bescheidenen Summe zwischen 50.000 und maximal 75.000 Euro auskommen. Eine wichtige Etappe zum erhofften Landtagseinzug ist die Wahl des Spitzenkandidaten beziehungsweise der Spitzenkandidatin in der Landesmitgliederversammlung am 14. Dezember. Alles hängt zunächst davon ab, in jedem Bezirk die erforderlichen Unterstützungserklärungen für den Antritt zu sammeln. Auf ihrer Internetseite informieren die NEOS darüber, wie die Wahlantrittsvoraussetzungen genau aussehen. Insgesamt werden 180 von den Gemeinden bestätigte Unterschriften benötigt, die sich auf die sieben Wahlkreise im Burgenland verteilen: Wahlkreis 1 (Bezirk Neusiedl/See) 35 Unterstützungserklärungen, Wahlkreis 2 (Bezirk Eisenstadt, Eisenstadt-Umgebung und Rust) 35, Wahlkreis 3 (Bezirk Mattersburg) 25, Wahlkreis 4 (Bezirk Oberpullendorf) 25, Wahlkreis 5 (Bezirk Oberwart) 35, Wahlkreis 6 (Bezirk Güssing) 15 sowie Wahlkreis 7 (Bezirk Jennersdorf) 10.

Während die Sammlung von Unterstützungserklärungen für eine nicht im Landtag vertretene Partei normal, ja zwingend ist, mutet die Kandidatensuche der burgenländischen NEOS ziemlich unkonventionell an. Um den erklärten Anspruch zu untermauern, „dass neue Köpfe und deren Ideen und Konzepte die Chance bekommen, sich in die burgenländische Politik einzubringen“, konnten sich bis zum 4. Dezember potenzielle „Kandidat_in“ für die Landesliste ganz offiziell bei Landesgeschäftsführerin Anna Bozecski bewerben. Einzusenden waren eine gültige Ausweiskopie, eine aktuelle Strafregisterbescheinigung, ein ausgefülltes Bewerbungsformular mit Compliance-Erklärung, ein Lebenslauf und ein strukturiertes Motivationsschreiben.

Dieses ungewöhnliche Prozedere der Kandidatensuche soll natürlich Offenheit für neue Persönlichkeiten ohne lange Parteilaufbahn demonstrieren. Es scheint aber auch der strukturellen Personalschwäche der Liberalen im östlichsten und einwohnerschwächsten Bundesland Österreichs geschuldet zu sein. Das 2,3-Prozent-Trauma der letzten Landtagswahl wirkt ebenso nach wie die Gemeinderatswahl 2017 mit nur 0,3 Prozent. Das landesweit einzige Gemeinderatsmandat der NEOS hält Landessprecher Eduard Posch. In der ländlichen Region fehlen eben die urbanen Zentren, die das klassische NEOS-Milieu hervorbringen. Deshalb zögerte der Bundesparteivorstand lange, seinen örtlichen Parteifreunden grünes Licht für den Wahlantritt am 26. Jänner zu geben. Weil die Pinken bei der Europawahl im Burgenland 5,2 Prozent der Stimmen und bei der letzten Nationalratswahl 4,9 Prozent bekamen, erschien der Bundesspitze das Kandidatur-Risiko vertretbar zu sein. Hinzu kam der positive Ausgang der Landtagswahl im Nachbarland Steiermark, wo die Liberalen mit 5,4 Prozent erstmals den Einzug geschafft haben. Außerdem will man die eigene Ausgangslage für die Kommunalwahlen im Jahr 2022 verbessern. Beobachter rechnen damit, dass die NEOS unter der Führung von Edi Porsch oder Anna Bozecski in die Wahlschlacht ziehen.

Die charmante Salzburgerin mit burgenländischem Vater ist nach der Übernahme der Landesgeschäftsstelle die wichtigste Parteimanagerin der Pinken im Burgenland. Als Landesspitzenkandidatin für die Nationalratswahl machte sie auch in der Öffentlichkeit eine gute Figur und zeigte, dass sie nicht nur hinter den Kulissen ganze Arbeit leisten kann.  Die Tochter eines Oberpullendorfers lebt in Wien, verweist aber auf ihre Kindheit im Burgenland und betont, dort jetzt auch viel Freizeit zu verbringen.

Seit 2014 engagiert sich Bozecski bei den NEOS. Ihr Politik-Einstieg erfolgte als parlamentarische Mitarbeiterin des Abgeordneten Michael Bernhard, als Wahlkämpferin der heutigen Parteichefin Beate Meinl-Reisinger und danach als Büroleiterin der früheren EU-Abgeordneten Angelika Mlinar. Über diese Zeit sagt sie: „Meinen bisher größten politischen Erfolg feierte ich 2018 als Wahlkampfleiterin für die Landtagswahl in Salzburg. An der Seite von Sepp Schellhorn, der mir gezeigt hat, wie viel Aufrichtigkeit, Authentizität und Menschlichkeit in der Politik Platz haben kann, nahm ich als Teil des Verhandlungsteams an den Regierungsverhandlungen mit ÖVP und Grünen teil und durfte so die erste Regierungsbeteiligung der NEOS vorbereiten.“ Seit Herbst letzten Jahres ist die 1990 Geborene Landesgeschäftsführerin der NEOS und hat sich seitdem ganz dem Strukturaufbau und der Weiterentwicklung der Landespartei verschrieben.

In einem Interview mit „Radio Burgenland“ gestand sie, dass sie sich in erster Linie als Europäerin fühle und ihre Herzensthemen Umwelt, Digitalisierung und Geschlechtergerechtigkeit seien. Ihr Credo ist: „Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft müssen nun zusammenarbeiten, um unseren Nachkommen eine intakte Umwelt zu hinterlassen. Das ist Generationengerechtigkeit!“ Streitlustig gibt sie sich besonders beim Thema Gleichbehandlung: „Ich kämpfe dafür, dass Frauen frei und uneingeschränkt am Arbeitsmarkt partizipieren können, und dass Familie als Verantwortung der gesamten Gesellschaft gesehen wird.“ Ihre digitalpolitische Position umreißt die leidenschaftliche Hobby-Köchin so: „Fortschritt und Digitalisierung müssen immer unter Rückbezug auf ein menschenwürdiges Dasein stattfinden und dürfen nicht Tür und Tor für Missbrauch und Ungleichheit öffnen.“

Am Abend des 14. Dezember wird feststehen, ob die NEOS mit Anna Bozecski oder Edi Porsch an der Spitze in die Landtagswahl gehen. Der Wahlkampf verspricht in jedem Fall spannend zu werden.