Wien – In Corona-Zeiten ist Gesundheitssprecher Gerald Loacker eines der gefragtesten Mitglieder des Parlamentsklubs der NEOS. Der Vorarlberger mit ÖVP-Vergangenheit sitzt Gesundheitsminister Rudolf Anschober regelrecht im Nacken, dessen Anti-Corona-Politik nach Auffassung vieler Beobachter inzwischen die Generallinie fehlt. Der Nationalratsabgeordnete der Pinken nannte Ende Juli Beispiele: „In den letzten Wochen hat das Gesundheitsministerium vielfach ein chaotisches Bild abgegeben, was zum Beispiel in unzureichenden Tests, rechtswidrigen Verordnungen und unkoordinierten Schulschließungen endete.“

Ein aktueller Kritikpunkt ist Anschobers unklare „Corona-Ampel“. Der Grüne halte zwar stundenlange Presseerklärungen ab, aber danach sei man immer noch nicht schlauer als vorher, findet Loacker und beklagt eine Mischung aus politischer Untätigkeit und gefährlicher Konfusion. Seit Ende Februar gebe es das Coronavirus in Österreich, aber bis dato sei es der türkis-grünen Bundesregierung immer noch nicht gelungen, „endlich für Klarheit zu sorgen und einen konkreten Fahrplan zu entwickeln. Niemand weiß, ab welcher Anzahl von Verdachtsfällen oder Infektionen die Ampel umspringt, und vor allem weiß auch niemand, was zu tun ist, wenn die Ampel umspringt.“ Das Grundprinzip einer Ampel sei doch, dass jeder genau wisse, was bei welcher Farbe zu tun sei. Im Corona-Zusammenhang müsse immer klar sein, welche Ampelfarbe zu welchen konkreten Maßnahmen führe. „Wenn zehn Fälle in einem Betrieb auftreten – muss der Betrieb dann schließen?“, fragt der 1973 in Dornbirn geborene Vize-Klubobmann. „Wenn drei Kinder in einer Klasse husten – ist das dann Gelb, Orange oder Rot und was bedeutet das?“ Anschober müsse auf solche Fragen endlich klare Antworten geben.

Gerald Loacker sieht nicht nur bei der Umsetzung der Corona-Ampel handfeste Defizite im grün geführten Umweltministerium, sondern auch bei der juristischen Grundierung der Maskenpflicht. Für den Rechtswissenschaftler ist juristische Schlamperei fast unverzeihlich: „Der Fehlerteufel ist offenbar ein Markenzeichen in den Verordnungen des Gesundheitsministers. Am laufenden Band erlässt er legistisch schlampige oder gar gesetzeswidrige Verordnungen, was auch daran liegt, dass die Sektion für Recht seit Monaten ohne Leitung ist.“ Der NEOS-Gesundheitssprecher bezieht sich auf Medienberichte über eine mögliche Gesetzeswidrigkeit der jüngst eingeführten Maskenpflicht. Anstatt hier schnellstmöglich zu handeln, rede sich Anschober öffentlich mit seinen Mitarbeitern heraus und hieve Parteifreunde auf Expertenposten. In einem langen Interview mit der „Neuen Vorarlberger Tageszeitung“ sprach er dem Grünen-Politiker ab, überhaupt ein Krisenmanager zu sein.

Zum Fachgebiet des erfahrenen NEOS-Abgeordneten gehört neben Gesundheit und Pflege auch das weite Feld der Arbeitsmarkt-, Lohn- und Sozialpolitik. Das Interesse an solchen Fragen dürfte in Loackers vorparlamentarischer Berufslaufbahn geweckt worden sein. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften mit Schwerpunkt Finanz- und Wirtschaftsrecht in Wien und dem Studium der Personal- und Organisationsentwicklung in Innsbruck war er zwischen 1998 und 2004 für die Wirtschaftskammer Vorarlberg sowie ein Unternehmen aktiv. 2004 übernahm er die Personalleitung einer Aktiengesellschaft, ehe er 2007 zur Dornbirner Sparkasse Bank AG wechselte, wo er viele Jahre lang Personalleiter war. Derzeit ist der 46-Jährige auch als allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Berufskunde sowie Arbeits- und Betriebsorganisation tätig. Seit der Nationalratswahl 2013 ist er Abgeordneter zum Nationalrat und übernahm zwei Jahre später die Funktion eines stellvertretenden Klubobmannes.

Da die Corona-Krise auch in Österreich massive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat, ist Loacker in seiner Doppelfunktion als NEOS-Sprecher für Gesundheit und Soziales fast atemlos im Einsatz. Angesichts der aktuellen Arbeitsmarktzahlen hat er die Bundesregierung aufgefordert, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Menschen so rasch wie möglich wieder in Beschäftigung zu bringen. „Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer brauchen nach den vergangenen Monaten wieder neue Zuversicht. Sie brauchen Gewissheit, dass steigende Infektionszahlen nicht automatisch eine Gefahr für den Arbeitsplatz bedeuten“, sagte er an die Adresse von Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) gerichtet. Aus Sicht des Liberalen muss die Ministerin deshalb an vernünftigen Qualifizierungs- und Umschulungsmaßnahmen für alle Beschäftigten arbeiten, deren Branchen nachhaltig eingebrochen sind.

Die Corona-Misere kostet vor allem junge Menschen ihre Arbeitsplätze und verbaut vielen Berufseinsteigern ihre Chancen. Die junge Generation spürt die wirtschaftlichen Folgen des Virus am stärksten. Umso empörender findet es der NEOS-Sozialsprecher, dass ausgerechnet sie noch Wahlgeschenke für Ältere finanzieren muss. Damit spielt er auf die kurz vor der Nationalratswahl beschlossene Wiedereinführung der abschlagsfreien Frühpension an. „Schon bei dem Beschluss war klar, dass die Wahlgeschenke vor allem die junge Generation belasten werden.“ Die nun bekannt gewordenen Zahlen bestätigten das eindeutig, sagte der Fachpolitiker und forderte Türkis-Grün zur Selbstkorrektur auf: „Es ist dringend notwendig, die Wahlgeschenke vom September 2019 rückgängig zu machen.“ Durch die Corona-Krise zahlten die Jungen nun doppelt. „Die Regierung schlägt sich durch ihre Untätigkeit auf eine Seite des Generationenvertrages und lässt die Jungen im Stich.“

Die Frage, warum er in die aktive Politik gegangen sei und sich nach einer Zeit von der ÖVP ab- und den NEOS zugewandt habe, beantwortete Loacker einmal so: „Trotz günstiger Kreditkonditionen übersteigen die Zinsen für unsere Staatsschulden das gesamte Budgetdefizit. Das nimmt uns jede Freiheit. NEOS gibt uns die Chance, selbst politisch mitzugestalten.“ Sich ins politische Geschehen einzubringen, ist auch der ausdrückliche Appell des leidenschaftlichen Mountainbikers und Skifahrers an die österreichische Jugend.