Bozen – Nach über einem Jahr Corona-Dauerkrise warten auch die Südtiroler sehnsüchtig darauf, endlich ihre Bürgerrechte zurückzubekommen und wieder die alten Reisefreiheiten zu haben. Die EU-Kommission arbeitet derzeit an einem „digitalen grünen Zertifikat“, um allen 27 Mitgliedstaaten eine technische Lösung für die sichere Rückkehr zur Normalität anzubieten. Die Einführung eines EU-weiten „Grünen Passes“ für alle Geimpften, Genesenen und Getesteten zielt auf die Überwindung der aktuellen Reisebeschränkungen. Bis zum 1. Juni soll das Zertifikat eingeführt werden. Im April hat der Südtiroler Landtag einen Antrag der SVP-Landtagsabgeordneten Jasmin Ladurner angenommen, der die Landesregierung auffordert, sich schnell und bestmöglich auf den „Grünen Pass“ vorzubereiten. Ladurner begründete ihre Initiative so: „Südtirol als wichtiger Handelsknotenpunkt zwischen Nord und Süd und als Tourismusland hat ein wesentliches Interesse daran, dass die Mobilität von Personen und Waren so schnell wie möglich wieder in Gang kommt – vor allem für die vielen damit zusammenhängenden Arbeitsplätze.“ Weil es illusorisch sei, darauf zu warten, bis die Inzidenz europaweit unter den Wert von 50 falle, brauche es mit dem „Grünen Pass“ eine alternative Perspektive. Er biete Südtirol „die Chance, zusätzliche Öffnungen in einem sicheren Rahmen zu ermöglichen. Hierfür müssen rasch alle nötigen Vorbereitungen getroffen werden.“

Der Pass dürfe aber nicht zur Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen führen und müsse einheitliche und wissenschaftlich begründbare Richtlinien vorgeben, mahnte Sven Knoll, der seit 2008 für die Süd-Tiroler Freiheit (STF) dem Landesparlament seiner Heimat angehört. Der Politiker wies darauf hin, dass die Einführung des „Grünen Passes“ von vielen Bürgern durchaus kritisch gesehen werde, zumal einige Fragen bisher noch völlig unbeantwortet geblieben seien. Das Zertifikat dürfe nicht zum Einfallstor für Alltagsdiskriminierungen werden.Knoll, Jahrgang 1980, wies Ende April auf Unstimmigkeiten der regionalen Corona-Politik hin: „Laut neuer Verordnung ist die Konsumation von Speisen und Getränken in der Öffentlichkeit (z.B. auf einer Parkbank) verboten, wenn kein Sicherheitsabstand eingehalten werden kann. In einem Gastgarten dürfen aber bis zu vier haushaltsfremde Personen ─ ohne Abstand und ohne Test ─ an einem Tisch sitzen und Speisen sowie Getränke konsumieren. Derartige Widersprüchlichkeiten führen nur zu Verunsicherungen und setzen die Bevölkerung der Willkür der Polizei aus.“ Dringend geklärt werden müsse auch die Form der Anerkennung von Genesenen, damit diese gegenüber Geimpften nicht benachteiligt würden, so der gebürtige Bozener. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb ein Antikörpertest nicht als Nachweis gelte. Schließlich biete eine überstandene Infektion teilweise sogar einen besseren Schutz als eine Impfung. In Abstimmung mit den Nachbarländern plädiert Knoll für eine einheitliche Regelung der Anerkennung von Tests. Ihn wurmt, dass die Schnelltests derzeit nicht für Grenzübertritte gelten, sodass sich Berufspendler und Studenten doppelt und dreifach testen lassen müssen.

Für den Landtagsfraktionssprecher der Süd-Tiroler Freiheit ist die Corona-Krise auch eine Bewährungsprobe für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Er sieht mit Sorge eine wachsende Spaltung zwischen „Corona-Fanatikern“ einerseits und „Corona-Leugnern“ andererseits. „Dass rechtschaffene Bürger nun hart bestraft werden sollen, nur weil sie von ihrem demokratischen Grundrecht Gebrauch gemacht und im Freien gegen durchaus fragwürdige Corona-Vorschriften demonstriert haben, ist weder verhältnismäßig noch gerechtfertigt“, betont der 40-Jährige. Es sei das demokratische Grundrecht aller Bürger, gegen Maßnahmen und Verordnungen der Regierung zu demonstrieren, wenn sie mit diesen nicht einverstanden seien. Menschen aus Prinzip und auf bloßen Verdacht hin zu bestrafen, hält er für falsch. Die Landesregierung solle deshalb ein Zeichen des Respekts für demokratische Grundwerte setzen und von Strafen absehen.

Obgleich das Corona-Krisenmanagement auch sein Tagesgeschäft bestimmt, verliert Sven Knoll nicht die großen Linien seiner Politik aus den Augen. Dazu gehört die glasklare Vertretung der Südtiroler Identität und Interessen gegenüber der Regierung in Rom. Ein Dauerbrenner ist in diesem Zusammenhang die Aneignung regionaler Steuergelder durch Italien. „Südtirol verschenkt jedes Jahr 500 Millionen Euro an den italienischen Staat, um dessen Schulden zu zahlen“, kritisierte das Mitglied der Schützenkompanie Meran unlängst auf seiner Facebook-Seite. „Dieses Geld der Südtiroler Steuerzahler sollte in Südtirol bleiben, um unseren Betrieben und Bürgern finanziell zu helfen.“ Seine Landsleute bekämen es „derzeit mit voller Härte zu spüren, was es heißt, zum falschen Staat zu gehören“. Dazu zählt der Abgeordnete die fehlende Verlängerung des Arbeitslosengeldes, unzureichende Hilfsgelder, verlorene Rentenbeiträge und hohe Steuerrückzahlungen. Viele heimische Betriebe stünden vor dem Ruin und nicht wenigen Bürgern fehle sogar das Geld, um Wohnungsmieten und Lebensmittel zu bezahlen. Deshalb sei ein neues Corona-Hilfspaket unerlässlich. Grundlage dafür sei, Steuergelder endlich in Südtirol zu behalten, anstatt sie Rom zu schenken.

Zur geistigen Grundausstattung des STF-Frontmannes gehört auch ein intaktes Geschichtsbewusstsein, um sich immer zu vergegenwärtigen, woher man kommt und was man ist. So war es für Knoll eine pure Selbstverständlichkeit, am 24. April des 100. Jahrestages der Ermordung des Marlinger Lehrers Franz Innerhofer durch italienische Faschisten zu gedenken. Der 24. April 1921 ging als „Blutsonntag von Bozen“ in die Geschichte ein und war das tragische Menetekel der Unterdrückung und Entrechtung der Südtiroler durch den italienischen Staat. Die Süd-Tiroler Freiheit erinnerte anlässlich des Todestages von Innerhofer daran, dass eine ethnische Minderheit in einem fremdnationalen Staat niemals sicher sein könne und Minderheitenrechte nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden dürften. Sven Knoll rief bei Facebook dazu auf, den Ermordeten zu ehren, „indem wir unsere Sprache und Tiroler Kultur gegen den italienischen Staat schützen und somit auch unseren Kindern noch eine Zukunft geben“. In seiner Gedenkrede zur Einweihung des Innerhofer-Denkmals in Innsbruck zeigte er anhand von Zeitzeugenberichten auf, welche dramatischen Stunden sich damals in Bozen abspielten und wie kritikwürdig darauf der italienische Staat reagierte. Roms Botschaft sei gewesen: „Die Südtiroler haben sich Italien zu fügen!“ Damit wollen sich Knoll und seine Mitstreiter bis heute nicht abfinden.