Salzburg – Fast stahl er ihnen die Show, der Blutmond über der Salzach, nachdem die Granden aus Politik und Kultur am Freitagnachmittag in der Felsenreitschule die Salzburger Festspiele eröffnet hatten. Doch während es eine totale Mondfinsternis dieser Länge – über 100 Minuten – und dem genau gleichen Stand des Mars nur alle 105.000 Jahre gibt, kommt man in der Mozart-Stadt jedes Jahr zusammen. Langweilig wurde das Festival deswegen allerdings nie. Mit Spannung erwartete man auch die Reden beim Festakt.

In deren Zentrum stand diesmal Europa. So rief Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler in ihrer Rede dazu auf, jenen zu widersprechen, „die ihre Redegewalt für europäische Untergangsszenarien missbrauchen“ – was nicht wenige als einen Seitenhieb in Richtung der in Wien mitregierenden FPÖ verstanden. Außerdem sagte sie: „Investieren wir unsere rhetorische Stärke, vor allem aber unsere Tatkraft, um die faszinierende Idee eines vereinten Europas wieder voranzutreiben." Damit stelle man sich auch in die Tradition der Festivalgründer.

Ähnliche Töne vernahm man erwartungsgemäß von Bundespräsident Alexander Van der Bellen: „Die Gründerväter der Europäischen Union bewiesen Leidenschaft, Verantwortung und Augenmaß, als sie die Idee eines gemeinsamen, vereinten Europas praktisch umzusetzen begannen.“ Umso bedauerlicher sei es, dass demnächst Großbritannien die Union verlasse. „Das ist ein Zeichen an der Wand. Die Vertreter des alten Kirchturm-Nationalismus, deren Weitblick gerade einmal bis zur eigenen Staatsgrenze reicht, spüren Aufwind“, so Van der Bellen, der zugleich unterstrich: „Wir brauchen dieses vereinte Europa. Davon bin ich leidenschaftlich überzeugt.“

Philipp Blom fordert „neue Aufklärung“

Ins Europa-Horn stieß auch Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP), der in seiner Ansprache einräumte: „Ich sehe zwar keinen übertriebenen Anlass zum Pessimismus, aber ja, die Unterschiede zwischen den Ländern in Europa sind groß.“ Es fehle einfach an Emotionalem, vor allem an einem Zusammengehörigkeitsgefühl. „Im Wesen von Kunst und Kultur liegt der dialektische Schaffensprozess einer gemeinsamen europäischen Identität“, so Blümel, in dessen Ressort auch EU-Angelegenheiten fallen. „Das beste Mittel gegen Europaskepsis und Krisenbeschwörer wäre wohl, wenn sich alle Pessimisten auf die Festspiele einlassen würden“, zeigte sich der ÖVP-Politiker überzeugt.

Schließlich stieg auch der eigentliche Festspielredner Philipp Blom auf das Thema ein und warb für eine „neue Aufklärung“. Die westlichen Staaten seien als Angstgesellschaften Gefangene ihrer Dämonen. „Wir fressen uns dem eigenen Ersticken entgegen“, so Blom, der deshalb für einen Paradigmenwechsel plädierte und fragte: „Was wäre, wenn eine neue, dringend gebrauchte Aufklärung mit einer Rehabilitierung der Leidenschaft beginnen würde?"

Noch vor der offiziellen Eröffnung der Festspiele, auf die sich bis zum 30. August die Augen der Kulturszene in Österreich richten werden, konnte man bereits vor einer Woche die inzwischen schon traditionelle OuvertureSpirituelle erleben, die mit Pendereckis Lukaspassionunter Kent Nagano eingeläutet wurde. Dieser trat auch am Freitag als Dirigent des Mozarteumorchesters in der Felsenreitschule auf und sorgte damit für den angemessenen musikalischen Rahmen der Eröffnungsfeier.

Moretti als Jedermann

„Von allem das Höchste“ lautete einst das Leitmotiv der Festspielgründer Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal, Franz Schalk und Richard Strauss, die damit einen Anspruch formulierten, dem man in den vergangenen Jahrzehnten mal mehr, mal weniger gerecht wurde. Seit den ersten Festspielen im Sommer 1920 war es Usus, bereits approbierte Werke der Bühnenliteratur aufzuführen.

Im Zentrum jeder Salzburger Festspielwochen steht Hoffmansthals „Jedermann“, der stets auf dem Domplatz gegeben wird. Einen besonderen Stellenwert genießen seit jeher auch Opernaufführungen, vor allem von Werken des Salzburgers Wolfgang Amadeus Mozart und des Münchners Richard Strauss. Nahezu alle weltweit bedeutenden Dirigenten haben in Salzburg gearbeitet, ebenso die herausragendsten Sänger, Regisseure, Bühnen- und Kostümbildner.

Im vergangenen Jahr wurde wegen des damals neuen Intendanten Markus Hinterhäuser, der zuvor die Wiener Festwochen geleitet hatte und 2011 schon einmal Übergangs-Intendant der Salzburger Festspiele war, vielfach vom Beginn einer neuen Ära gesprochen. Dies erscheint allerdings ein wenig übertrieben, nachdem kein Geringerer als Herbert von Karajan das Festival mehrere Jahrzehnte, nämlich von 1957 bis 1989, als Intendant leitete und die Ära-Messlatte entsprechend hoch anlegte. Hinterhäusers Leitmotiv waren 2017 die Strategien der Macht im Lauf der Zeit, in diesem Jahr stehen die Festspiele unter dem Motto „Passion, Ekstase, Leidenschaft“. Insgesamt wurden mehr als 224.000 Karten aufgelegt.

Hoffmannsthals „Jedermann“ eröffnet am Sonntagabend das Theaterprogramm der Festspiele. Erneut ist das Stück in der auch wegen ihrer Kürze von nur 95 Minuten umstrittenen Inszenierung von Michael Sturminger zu sehen sein. Im letzten Jahr hatte dies für hitzige Diskussionen gesorgt, für die diesjährige Aufführung wurden einige Szenen überarbeitet – und außerdem neue Kostüme geschneidert. In der Hauptrolle des reichen, sterbenden Mannes ist Tobias Moretti zu sehen, die Buhlschaft gibt Stefanie Reinsperger.

Kurzfristige Umbesetzung

Moretti konnte damit den regelrechten Wettkampf unter den Schauspielern, wer den „Jedermann“ in Salzburgspielen darf, erneut für sich entscheiden, nachdem er schon im vergangenen Jahr eine überzeugende Darbietung ablieferte. Damit ist er Curd Jürgens, der eigentlich Deutscher war, aber später die österreichische Staatsbürgerschaft annahm, dicht auf den Fersen, mit dem die begehrte Rolle von 1973 bis 1977 besetzt wurde. An seiner Seite stand 1973 Nicole Heesters und ab 1974 Senta Berger als Buhlschaft.

Eine kurzfristige Umbesetzung hatte es noch Anfang des Monats gegeben. Statt Eva Herzig, die wegen eines Filmangebots wenige Wochen vor der Premiere absprang, ist in der Rolle des Schuldknechts Weibes die deutsche Mimin Martina Stilp zu sehen, die seit 2015 dem Ensemble des Theaters in der Josefstadt in Wienangehört. Heuer gibt sie ihre Premiere bei den Festspielen. Ob die Neuerungen das Stück für manchen wieder akzeptabler machen, wird sich am Sonntag zeigen.