Berlin/Chur – Die EU-Sanktionen gegen Russland bedeuten für die Unternehmen in Österreich, Deutschland und anderen europäischen Staaten jährlich Einbußen in Milliardenhöhe. Bereits im vergangenen Jahr hat das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO errechnet, dass die Exporte aus der Europäischen Union nach Russland inden Jahren 2014 bis 2016 um jährlich 15,7 Prozent gesunken sind.

Während 2013 noch Waren, Güter und Dienstleistungen im Wert von 120 Milliarden Euro aus der EU nach Russland exportiert wurden, ist der Wert bis 2016 auf 72 Milliarden Euro gesunken. Bis zu 40 Prozent des gesamten Exportrückganges sind den Schätzungen des WIFO zufolge auf die Russland-Sanktionen und Gegenmaßnahmen Moskaus zurückzuführen.

In Österreich sind die Exporte nach Russland laut dem WIFO sanktionsbedingt um 9,5 Prozent zurückgegangen, was für die österreichische Wirtschaft einen Verlust von rund einer Milliarde Euro bedeutet. Am stärksten betroffen ist jedoch die Bundesrepublik Deutschland mit einem Minus von 11,1 Milliarden Euro, die damit mehr als ein Drittel des durch die Sanktionen verursachten EU-Exportrückgangs trägt. Mehrere Verbände wie der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft fordern daher ein Ende der Sanktionspolitik gegen Russland und eine Rückkehr zu Handelsbeziehungen, die für beide Seiten von Vorteil sind.

Bilaterale Kooperation zu gegenseitigem Nutzen

Genau dafür setzt sich auch die in Berlin ansässige Deutsch-Russische Wirtschaftsallianz e.V. (DRWA) ein, laut Eigenaussage „ein eingetragener Verein deutschen Rechts, der auf freiwilliger Grundlage russische und deutsche Firmen, Unternehmen, regionale Organisationen und natürliche Personen vereinigt, die auf dem Gebiet der bilateralen wirtschaftlichen Zusammenarbeit auf der Grundlage gemeinsamer Interessen arbeiten“.

Die DRWA wurde im Jahr 2003 gegründet und unter der Nummer 22309 NZ in das Vereinsregister beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eingetragen. Die Tätigkeit der Organisation erstreckt sich nach eigenen Angaben auf „Hochtechnologie und Innovation, in erster Linie auf dem Gebiet der Luftfahrt, der regionalen Zusammenarbeit und mittelständischer Unternehmen“.Ein Beispiel dafür ist die Deutsch-Russische Konferenz für Cybersicherheit, die am 25. Januar 2019 erstmals im Marriott-Hotel am Inge-Beisheim-Platz in Berlin stattfinden wird. Befassen wird sich das hochkarätige Treffen mit dem Thema „Cyberbedrohungen als globale Risiken für die Weltwirtschaft“.

In der Deutsch-Russische Wirtschaftsallianz versammeln sich neben namhaften Einzelpersonen und juristischen Personen auch bedeutende Unternehmen aus Ost und West wie der Flughafen Leipzig/Halle, die Mannesmann Plastics Machinery GmbH, die KraussMaffei Technologies GmbH, die Demag ErgotechGmbH, die Sunimex Handels GmbH, die Fluggesellschaft Volga-Dnepr oder die Complex-Oil Group, aber auch renommierte Forschungseinrichtungen wie das deutsche Zentralinstitut für Luftfahrtantriebe (CIAM) und das russische Staatliche WissenschaftlicheForschungsinstitut für Luftfahrtsysteme (GosNIIAS).

„Philosoph“ Jörg Löser mit guten Kontakten in den Osten

Vorsitzender des Vereins ist der russische Wirtschaftsexperte Dmitry Trischin, sein Stellvertreter ist der Berliner Rechtsanwalt Lutz Beyer. Die Aufgabe des Geschäftsführers hat der Diplom-Ingenieur Oleg Kisowübernommen, der zuvor Projektdirektor bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und Business Development Director bei der TCA Consulting Groupwar.

Als einflussreicher Strippenzieher und einer der bestimmenden Akteure der DRWA gilt auch der Schatzmeister des Vereins: Jörg Löser, der ursprünglich aus der DDR stammt,heute seinen Lebensmittelpunkt hauptsächlich in der Schweiz hat und eine überaus schillernde Persönlichkeit mit wechselvoller Vita ist.

Löser, Jahrgang 1965, studierte an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin Philosophie und war danach ein Jahr im akademischen Bereich an einer Hochschule tätig. Die Luft im Hörsaal wurde dem intimen Kenner der Philosophen des Deutschen Idealismus, jedoch bald zu trocken. Statt mit Kant, Hegel und Schelling befasste er sich fortan beruflich mit Strategie, Waffensystemen und der Konfrontation mit dem „Klassenfeind“. Er wurde Berufssoldat in der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR und stieg dort im Laufe der Jahre bis zum Oberleutnant auf.

Dennoch blieb seine eigentliche Leidenschaft die Philosophie. „Schon früher las Löser lieber die Schriften eines Immanuel Kant als das Handbuch der NVA“, schrieb das Internetmagazin „Derfflinger“ über den früheren Offizier, der seine guten Kontakte nach Moskau nun in die Deutsch-Russische Wirtschaftsallianzeinbringt.

Vom Militär in die Wirtschaft

Auch während seiner Militärzeit lehrte Löser weiter als Dozent. Der Fall der Mauer bedeutete für ihn einen Bruch in der Biografie. „Aufgrund der 1989 in Deutschland entstanden Situation wurde ich Anfang 1990 von meiner akademischen Stellung durch den deutschen Staat zwangsbefreit“, sagt er nicht ohne Groll im Rückblick auf die Wende und die darauffolgende Wiedervereinigung Deutschlands. Nun musste er sich umorientieren – und das tat er, indem er seine Verbindungen nach Russland die anderen Nachfolgestaaten der UdSSR wirtschaftlich nutzbar machte.

Er wagte den Sprung in die Selbständigkeit und arbeitet seit nunmehr über 25 Jahren im Bereich Consulting, Management und Finanzen. „Ich berate mittlerweile nationale und internationale Unternehmen. Die Aufgaben sind dabei genauso vielfältig wie die Unternehmen, die ich berate“, erklärt Löser dazu. „Sie reichen von Unternehmens- und Personalführung, bis zur Übernahme von Managementaufgaben in den Unternehmen.“ Er betont, dass er diese Aufgaben stets „zeitlich begrenzt“ übernehme. Im Laufe der Jahre konnte sich Jörg Löser – der wegen seiner internationalen Tätigkeit auch oft als Joerg Loeser, also ohne die im Ausland unbekannten Umlaute, auftritt – den Ruf eines „Geldbeschaffers“ erarbeiten.

Wichtig ist ihm die Feststellung, dass ihm „das Philosophiestudium und auch das Beschäftigen mit Philosophie neben der beruflichen Tätigkeit“ bei seinen neuen Aufgaben „sehr geholfen“ hat. „Aspekte des selbständigen Denkens, die theoretische Analyse von Prozessen, das Hinterfragen derselben, sind Punkte die mir in meiner beruflichen Tätigkeit ständig präsent sind und mir einen Wissensvorsprung gewährleisten“, so Löser zu nicht unerheblichen Elementen seines Erfolgsrezepts.

Internationales Netzwerk

Die Verzahnung von Philosophie, dem strategischem Denken eines ehemaligen Offiziers, guten Kontakten in den Osten Europas und unternehmerischem Spürsinn spiegelt sich in der Vielzahl der aktuellen Unternehmensmandate wider, die Löser innehatte oder noch hat. Die Basis seiner Aktivitäten ist dabei die Stadt Chur im Schweizer Kanton Graubünden, doch sein geschäftliches Netzwerk erstreckt sich weit über die Grenzen Schweiz hinaus – natürlich auch nach Deutschland.

Laut der Wirtschaftsauskunftei „Moneyhouse“ ist er derzeit Geschäftsführer bei der GößnitzerStahlrohrmöbel GmbH in Gößnitz (Thüringen), den auf Immobilien spezialisierten Unternehmen Stechert Verwaltungs GmbH, Stechert International GmbH undSTW GmbH in Trautskirchen (Bayern) sowie der FIDUS GmbH in Berlin, die private Darlehen vermittelt und als Versicherungsmakler tätig ist.

Aktuelle Mandate bei Schweizer Unternehmen hat Löser als Mitglied des Verwaltungsrates unter anderem bei der Scalia AG (Immobilien) und der Graubündner Moor- und Kräutermanufactur AG (Naturheilmittel), ausgeschieden ist er bei der Strategy Management Holding AG, der Northeast Investments Holding AG (Beteiligungen und Finanzdienstleistungen), der Albatros Investment Partners AG (Vermögensverwaltung), der TESO Steel Holding AG (Beteiligungen und Finanzdienstleistungen) sowie der Kremer Racing AG, die im Juli 2018 aus dem Unternehmensregister gelöscht wurde.

Bei letztgenanntem Unternehmen handelte es sich um den Rennstall des früheren Vertriebsvorstands der DF Deutschen Finance Group, Alfred J. „Freddy“ Kremer, der selbst begeisterter Rallye- und Autorennfahrer ist und mehrere Preise gewann. Das Infoportal HESSEN DEPESCHE schrieb über die Firma: „Die Kremer Racing AG ist jedoch nicht einfach nur ein Rennstall, sondern hat sich zur Aufgabe gesetzt, eine langfristige Verbindung von professionellem Motorsport zu professionellem Business zu schaffen. (…) Freddy Kremers Rennsportunternehmen will Sponsoren nach Eigendarstellung ‚eine exklusive und effektive Businessplattform im Rahmen verschiedener nationalerund internationaler Rennserien‘ bieten, damit diese in die Lage versetzt werden, ‚ihr Netzwerk weiterzuentwickeln und auszubauen‘.

Allzu erfolgreich schien das Unternehmen dabei nicht vorgegangen zu sein, da es liquidiert wurde. Doch das ist keinesfalls Jörg Löser anzulasten, der die Kremer Racing AG zwar mit Expertise begleitet hat, aber unternehmerische Fehlentscheidungen kaum beeinflussen konnte.

Unternehmen fordern Ende der Sanktionen

Nachdem laut Schweizer Handelsregister mit der MoorStore Swiss AG (Durchführung und Vermittlung von Geschäften im Marketing-, Consulting-, Treuhand-, Finanz-, Immobilien- und Investmentbereich sowie Handel mit Moor- und Kräuterprodukten) ein weiteres Unternehmen, bei dem Jörg Löser eine tragende Rolle spielte, am 3. Dezember 2018 in Liquidation ging, kann sich der frühere NVA-Soldat und passionierte Philosoph nun stärker auf seine Tätigkeit bei der in Chur ansässigen Scalia AG konzentrieren.

Präsident der Gesellschaft ist Walter Anton Heinrich Backhaus, der ebenfalls deutscher Staatsbürger ist und aus dem nordrhein-westfälischen Hagen stammt. Neben dessen Ehefrau Nicole Schild-Backhaus gehört Löser dem Verwaltungsrat des Unternehmens an, das mit dem Erwerb, dem Handel, der Verwaltung und der Veräußerung von Immobilien sowie von direkten und indirekten Beteiligungen an Unternehmungen aller Art in der Schweiz und im Ausland befasst ist. Vizepräsident der Scalia AG war bis zum November 2017 der Schweizer Alain Wasserfallen aus Thalwill im Kanton Zürich.

Gemeinsam mit der Deutsch-RussischenWirtschaftsallianz will Löser nun dazu beitragen, dass das Verhältnis beider Staaten künftig wieder mehr von Kooperation statt Konfrontation geprägt ist. Damit agiert der erfahrene und gewiefte „Geldbeschaffer“ nicht nur im Einklang mit Wirtschaftsverbänden, sondern auch mit vielen Firmen. Laut einer aktuellen Umfrage der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer in Moskau unter 166 deutschen Unternehmen, die in Russland insgesamt 142.000 Menschen beschäftigen, fordern 95 Prozent, die EU-Sanktionen mittelfristig zu beenden. 43 Prozent treten sogar für einen sofortigen Stopp der Embargopolitik ein. Das spricht für das Engagement der DRWA und ihres umtriebigen Schatzmeisters Jörg Löser.